Brasilianische Virusvariante verbreitet sich rasant in der ganzen Region

In Lateinamerika steigen die Corona-Infektionszahlen stark an. Immer öfter wird die zuerst in Brasilien festgestellte Virusmutation P.1 nachgewiesen. Viele Staaten schließen ihre Grenzen gegenüber Brasilien. Gleichzeitig zeigen sich die Statistiken als wenig zuverlässig: Mexiko ist jetzt plötzlich nach offiziellen Daten das Land mit den meisten Corona-Toten weltweit nach den USA, nicht mehr Brasilien.

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

„Wenn Brasilien niest, dann hat Südamerika eine Grippe“ – diese Redewendung galt bisher vor allem für den großen Einfluss, den die brasilianische Wirtschaft auf dem Kontinent hat: Eine Wachstumsschwäche in Brasilien löst demnach oft eine Rezession in den Nachbarländern aus.

Nun gilt der Spruch jedoch auch im engeren Wortsinn: Für die stark ansteigenden Infektionszahlen in Südamerika scheint immer öfter die erstmals in der brasilianischen Amazonasmetropole Manaus nachgewiesene Mutation P.1 zu stecken. In allen Nachbarländern nehmen vor allen in den Metropolen und grenznahen Regionen die Infektionen durch P.1 zu. In Paraguay und Argentinien wiesen die Gesundheitsbehörden sogar erstmals die in Rio de Janeiro nachgewiesenen P.2-Mutante nach.

Argentinien hat jetzt, wie Peru, schon seit langem, alle Flüge aus Brasilien gesperrt – wie auch aus Mexiko und Chile. Doch es scheint, dass die Mutationen auf dem Landweg über die grünen Grenzen von Brasilien aus in die Nachbarländer eingeschleppt werden. Da aber Staaten wie Mexiko, Kolumbien, aber auch Paraguay oder Uruguay weiterhin ihre Grenzen offen lassen für Reisende aus Brasilien, dürfte sich der Virus in den nächsten Wochen schnell weiterverbreiten.

In Chile zeigt sich, dass ein erfolgreiches Impfprogramm auch nicht vor dem neuen Virus hilft. Nach Israel und Großbritannien ist Chile das Land mit einer der höchsten Impfraten weltweit. 36 Prozent der Bevölkerung sind dort bereits einmal geimpft nach den Angaben von Our World in Data aus Oxford. Fast eine Million Menschen werden dort täglich geimpft. Bis Ende Juni will die Regierung 80 Prozent der Bevölkerung immunisiert haben.

Doch im März sind die Infektionsraten wieder stark angestiegen: Mit derzeit im Schnitt 357 Infizierten auf eine Million Einwohner sind die Ansteckungsraten nun wieder so hoch wie in Brasilien, wo bisher aber nur 8 Prozent der Bevölkerung von der Impfkampagne erreicht wurden. Die Behörden vermuten, dass sie zu früh die sozialen Distanzierungsmaßnahmen gelockert haben und sich deshalb in den Sommermonaten der Virus schneller ausgebreitet hat.

Auch auf Uruguay scheint das zuzutreffen. Das Land war monatelang eines der Länder in Lateinamerika, das am schnellsten auf die Pandemie reagiert hatte und die Zahlen der Infizierten wie der Toten niedrig halten konnte. Doch das hat sich geändert: Uruguay hat derzeit eine der höchsten Ansteckungsraten weltweit mit 730 Infizierten auf eine Million Einwohner. Das könnte daran liegen, dass Uruguay ein beliebtes Sommer-Ferienziel für die Nachbarländern ist.

Dass die Corona-Statistiken oftmals nicht die Realität wiederspiegeln, zeigt das Beispiel Mexiko: Das mexikanische Gesundheitsministerium revidierte am 29. März die veröffentlichten Daten zur Pandemie und gab an, dass die Zahl der durch das Coronavirus verursachten Todesfälle 60 Prozent höher ist als zuvor gemeldet. Mehr als 321.000 Menschen seien bereits an Covid-19 gestorben. Damit würde Mexiko in Lateinamerika sogar Brasilien überholen und wäre nach den USA weltweit die Nummer 2 auf der Liste der Länder mit den meisten Todesfällen in der Pandemie.

COVID-19 in Latin America

Development of case numbers in the region


Currently reported cases in the countries


COVID-19 vaccine doses administered


Vaccine doses administered by country

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