2021 wird für Lateinamerika zum Schicksalsjahr

Lateinamerika wird sich wirtschaftlich nur langsam von der schweren Rezession erholen und politische Krisen können die Region weiter destabilisieren. Ein Überblick zu den Folgen von Corona für Politik und Wirtschaft

von Alexander Busch, Lateinamerika-Korrespondent für Handelsblatt und NZZ

 

„Es hätte schlimmer kommen können – doch es wird dauern, bis es wirklich wieder besser wird.“ (“Latin America: Could be much worse, but will be hard to get much better”) – so beschreibt die Investmentbank JP Morgan in ihrer neuesten Analyse knapp und treffend die Lage in Lateinamerika. Die Situation und Aussichten für den weiteren Verlauf der Pandemie sowie für Politik und Wirtschaft sind tatsächlich durchwachsen.

 

Corona

Ziemlich genau ein halbes Jahr nachdem zum ersten Mal offiziell Corona-Infizierte in Lateinamerika registriert wurden, beginnen die Infektionszahlen langsam zu sinken. Dennoch lässt sich als vorläufiges Fazit feststellen: Den Regierungen in Lateinamerika ist es in der Pandemie schwergefallen, die richtige Mischung aus sozialer Isolierung und wirtschaftlicher Öffnung zu finden. Das trifft vermutlich auf die meisten Staaten weltweit zu, weil es keinen Königsweg gegen die Pandemie gibt.

Doch die Statistiken zeigen, dass Lateinamerika besonders schlecht abschneidet im Kampf gegen Covid-19: Sowohl bei den Infizierten als auch bei den Opfern zählen die lateinamerikanischen Staaten zu den weltweit am stärksten betroffenen Ländern – das gilt sowohl absolut, also pro Land, als auch relativ im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Dazu kommt, dass die COVID-Statistiken die dramatische Lage nur teilweise wiedergeben: Die Zahl der Tests liegt im Durchschnitt weit unter denen Europas oder der USA.

Prognosen über eine zweite Welle an Infizierungen sind schwierig: Einerseits könnte der kommende Sommer die Zahl der Neuinfizierungen bremsen. Auch scheint in einigen zuvor schwer betroffenen Regionen bereits eine hohe Immunität zu existieren. Andererseits nehmen im Sommer auch die Agglomerationen zu.

 

Im Überblick einige Prognosen für Politik und Wirtschaft

Die sozialen Proteste, die wegen Corona fast ein halbes Jahr gestoppt waren, sind in den letzten Wochen wieder aufgeflammt. In Kolumbien, Chile und Bolivien kam es bereits zu Unruhen. Es ist wahrscheinlich, dass die insgesamt weiter zunehmen werden, sobald die Corona-Sozialhilfen und die -isolierungen in den Ländern zurückgefahren werden. Die Gründe für die Unzufriedenheit der Bevölkerung vergangenes Jahr haben durch die schwere Wirtschaftskrise noch zugenommen.

Anders als erwartet, hat die Popularität der Regierungen in Mexiko oder Brasilien nicht unter deren offensichtlich gescheitertem Krisenmanagement gelitten. Präsident Bolsonaro in Brasilien ist so beliebt wie noch nie zuvor, trotz hoher Opferzahlen. Auch Präsident López Obrador in Mexiko erfreut sich einer stabilen Zustimmung, obwohl er kaum mit staatlichen Maßnahmen die Folgen der Pandemie für Unternehmen oder Bevölkerung abgemildert hat.

Der Trend zu stärker autoritären Regierungsformen, die Aushebelung der Gewaltenteilung sowie der wachsende Staatseinfluss in der Wirtschaft dürfte anhalten. 2021 wird zudem politisch ein Jahr mit wichtigen Wahlen (Bolivien, Peru, Chile) und Zwischenwahlen (Argentinien, Mexiko, Kolumbien) in der Region.

Derzeit nimmt der Nationalismus in der ganzen Region zu. Statt regional zusammenzuarbeiten, was in den Jahrzehnten nach den Demokratisierungen durchaus erfolgreich in Lateinamerika geschehen ist, versuchen die Regierungen wieder stärker allein Lösungen zu finden. Die mangelnde Koordination in der Region bei der Wahl des neuen Präsidenten der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) hat das klar gezeigt: Die USA konnten erstmals in fast 60 Jahren einen US-Amerikaner an deren Spitze setzen. In der Region regte sich kein Protest, die meisten Staaten stimmten zu oder enthielten sich. Auch die lateinamerikanischen Freihandelsabkommen stagnieren.

Die Folgen für die Wirtschaft sind inzwischen überschaubarer geworden. Tatsächlich wurde Lateinamerikas Wirtschaft am schwersten von der Pandemie weltweit betroffen. Vor 2022 wird keine Ökonomie wieder ihr Vorkrisenniveau erreichen.

Positiv auf die Konjunktur wirken die massiven staatlichen Kompensationsmaßnahmen wie in Chile, Kolumbien oder Brasilien. Auch werden die Zentralbanken nicht bald die Zinsen erhöhen, wegen des geringen Inflationsdrucks. Das begünstigt lokale Investitionen und die öffentliche Finanzierung. Auch Chinas schnelle Erholung sorgt für einem Exportschub für Rohstoffe aus Agrarindustrie, Energie und Bergbau.

So haben sich die Aussichten für die Wirtschaft leicht gebessert. 8,2 Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt in Lateinamerika dieses Jahr schrumpfen, erwartet JP Morgan. Für 2021 rechnet die Bank mit einem Wachstum von 4,2 Prozent. Die Rezession wird am stärksten Peru (-13,5 Prozent), Argentinien (-12,5 Prozent) und Mexiko (-10,5 Prozent) treffen. In Chile (-5,6 Prozent), Kolumbien (-7,7 Prozent) und vor allem Brasilien (-5,2 Prozent) werden die Verluste geringer ausfallen.

Dazu kommen jedoch neue Probleme: Die Haushaltsdefizite haben wegen der höheren (Sozial)ausgaben und geringeren (Steuer)einnahmen rasant zugelegt. Die Staaten müssen nun Mittel und Wege finden, in der stagnierenden Wirtschaft zu sparen oder die Einnahmen erhöhen. Sonst drohen die Rating-Agenturen mit einer Erhöhung des Risikoeinschätzungen für die Staaten, was deren Finanzierung erschweren wird. Zumal auch die ausländischen Direktinvestitionen schrumpfen werden.

Fazit: 2021 dürfte zum Schlüsseljahr für Lateinamerika werden. Danach dürfte klarer sein, ob der Region erneut eine verlorene Dekade droht, wie die vergangene.

COVID-19 in Lateinamerika

Entwicklung der Fallzahlen in der Region


Aktuell gemeldete Fallzahlen in den einzelnen Ländern

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